Kings Canyon/Sequoia Nationalpark

 

 

24. August 2014, Kings Canyon

In einer eintägigen Reise ziehen wir am Sonntag in den Kings Canyon weiter. Schon die Anfahrt von Fresno aus ist reizvoll: Aus der brütend heißen Ebene führt uns die Straße langsam an eine imposanten Bergkette heran, die zunächst nur spärlich mit Sträuchern bewachsen ist. Höher und höher, immer der Flanke entlang, verändert sich der Bewuchs der Hänge in einen duftenden Nadelwald (wie wir es vom Mittelmeer her kennen) und schenkt uns einen wahrhaft weiten (Aus-) Blick. Etliche Meilen später bringt uns eine großzügig angelegte Serpentinenstrecke - kurz nach Sonnenuntergang - bis zum Eingang des Parks und in den nächsten Campground. Von unserem Stellplatz aus sehen wir die winzigen Lichtpunkte der Häuser, weit, weit unten im Tal, während über uns die Sterne funkeln und der uns umgebende Wald ein betörendes Aroma von Pinien verströmt. Die Erdhörnchen haben sich in ihr Nest verkrümelt, und wir tun es ihnen gleich.

Am nächsten Morgen – nach einem gemütlichen Frühstück – hält ein altes Wohnmobil bei uns an. Ein junges Paar spricht uns an, erzählt, sie hätten uns im Juni in Cody und später noch ein paar Mal gesehen. Junge: Das ist ja schon ne Weile – und ein paar tausend Meilen her! Aber „Käptn Blaubär“ ist wohl auch einzigartig.

Es stellt sich heraus, dass Kerry und Pauilo mit ihren beiden Kleinkindern in dem Wohnmobil leben und arbeiten. Pauilo ist als Softwareentwickler für eine europäische Firma hier in den Staaten tätig. Er hat das 30 Jahre alte Gefährt technisch so aufgerüstet, dass er von unterwegs gut arbeiten kann, und somit eine Möglichkeit geschaffen, gleichzeitig mit der Familie zusammen zu sein. Ein Lebensstil auf Zeit, aber für uns sehr interessant. Wir tauschen die Mailadressen mit dem sympathischen Paar und besichtigen später mit Kerry und den Mädchen die Baumattraktionen im nahegelegenen Grants-Cove.

Große Bäume hatten wir ja schon im Redwood Nationalpark an der Küste. Diese hier – Sequoia, zur Familie der Thuja gehörig - sind wenige Meter niedriger, aber dafür stärker im Umfang (fällt einem unbedarften Betrachter aber wirklich nicht so schnell auf). Egal, was diese Kleinigkeiten betrifft: Die Mammutbäume sind auch hier sehr eindrucksvoll. Würdevoll und ruhig trotzen sie hier seit tausenden von Jahren den Unbilden der Natur und wir haben irgendwann das Gefühl, dass ihre Stärke, Ausdauer und Gelassenheit ein wenig auf uns abfärbt; uns tröstet es in Anbetracht der eigenen Vergänglichkeit.

So ein Riese stirbt, wenn nicht durch Menschenhand, dadurch, dass er einfach umkippt. Die Ursache hierfür scheint noch nicht ganz geklärt. Wahrscheinlich trägt aber auch die geringe Wurzeltiefe von zwei Metern dazu bei, die einen Baum von über 80 Höhenmetern halten muss, auch wenn der Umfang der Wurzeln bis zu 30m beträgt, und die Tatsache, dass die Sequoien heute nicht mehr als Wald, sondern nur noch vereinzelt stehen.

Aber auch die umgestürzten Stämme wurden manchmal auf besondere Art genutzt. Dieser „liegende Tunnel“ diente früher den Indianern als Wohnung und wurde später schon mal zu einer Bar umfunktioniert.

Anderntags fahren wir zum sogenannten Sherman-Tree, einem nach einem General benannten Mammutbaum, den man hier anscheinend gesehen haben muss.

Vom Parkplatz läuft man noch etwa einen  Kilometer durch den Wald, bis man zu diesem Baum gelangt. Doch gleich im Anfangsbereich werden wir durch eine Menschentraube auf einen Bären aufmerksam. Keine 30 Meter vor uns hängt ein junger Schwarzbär in der Spitze einer Tanne und angelt nach den Zapfen. Er streckt sich bis zum äußersten Zipfel, wo wohl die leckersten Früchte hängen, und knabbert ganz verzückt daran, wie Kinder an einem Eis. Ganz vertieft in seine Ernte, reißt er auch komplette Zweige ab, die sich am Boden langsam häufen.

Das Ganze dauert wohl an die 20 Minuten und den meisten Besuchern reicht es und sie setzen ihren Weg fort. Gustav langt es auch und wir schließen uns der Truppe an. Als der „Sherman“ endlich ins Blickfeld gerät, „haut der mich nicht gerade vom Hocker“, denn da haben wir wirklich schon schönere Seqouien gesehen. Während also Gustav noch bis zum Fuß des Baumes runterlaufen möchte, drehe ich um, um nach dem Bären zu schauen. Diese für uns bis dahin so selten erlebten Tiere sind für mich doch faszinierender. Oben angelangt ist kein Mensch mehr zu sehen, aber Meister Petz ist noch da. Und – er klettert langsam abwärts. Nun werden auch nachfolgende Besucher aufmerksam. Wir sind inzwischen nur noch 15 Meter entfernt und es wird ganz aufgeregt diskutiert, ob es angeraten wäre zu verschwinden oder nicht. Wir bleiben! Und Gustav kommt grad jetzt dazu, als hätte er geahnt, dass ein Schwarzbär mehr zu bieten hat als ein „General“.

Bärchen ist gelandet und macht sich daran, seinen hinabgeworfenen Zapfenvorrat zu verspeisen. Dass er dabei beobachtet wird, stört ihn „nicht die Bohne“. Erst als eine Französin lautstark ihr Entzücken kundtut, erschrickt das Tier; doch es flieht, als ein Junge bis auf eine Nähe von 3 Metern auf ihn zuspringt.

Manche können aber auch wirklich nicht genug bekommen oder haben einfach keine Sensibilität für die Bedürfnisse eines Tieres. Schade! Nun ist dieses tolle Erlebnis leider verfrüht zu Ende.

Doch diese Begegnung begleitet mich noch Tage später und wird wohl für immer in meiner Erinnerung bleiben: Diese geschmeidigen Bewegungen, das seidig glänzende Fell, die wachen Augen, die Intelligenz, mit der er für seinen Wintervorrat sorgt, und das Staunen über diesen großen und im Grunde friedlichen Vegetarier.

Zum Schluss des Tages genießen wir noch den Ausblick vom Morro-Rock und verlassen den Kings Canyon mit bärenstarken Träumen.