San Cristobal - ins Land der Zapatisten und darüber hinaus

Zipolite, 23. März 2015

Es ist Freitagnacht in Chetumal, als wir um vier Uhr in der Frühe von lauten Bässen aus dem Schlaf gerissen werden: Neben dem Campingplatz befindet sich ein öffentlicher Strand, der zu dieser frühen Stunde von mehreren französischsprachigen jungen Leuten zwecks Abkühlung nach einer anscheinend heißen Diskonacht heimgesucht wird. Wir parkieren unser Womo kurzerhand hinter das Restaurant. Doch  - o je - das war allerdings – obwohl einzige Alternative – auch nicht so gut ist, denn um halb sechs fängt jemand an, dort jeden einzelnen Stuhl durch Hin- und Herschieben zu begrüßen. So beginnen wir den Tag halt unausgeschlafen mit entsprechender Laune, die sich erst langsam nach einem Bad im Pool und einem ordentlichen Frühstück wieder bessert. Weil wir an diesem Wochenende nicht noch mehr unliebsame nächtliche Überraschungen riskieren wollen, ziehen wir an diesem Tag über 500 km weiter ins Landesinnere - nach Palenque. Auf dem bekannten Platz treffen wir auf einige andere Langzeitreisende und es gibt wieder mal einen netten Austausch. Ein gemütlicher Abend, eine erholsame Nacht und schon sieht die Welt wieder viel netter aus.

Doch die Katastrophe ist nicht weit: Am Sonntagnachmittag taucht ein Frauentrio auf und bezieht einen der Bungalows. Aus einer mitgebrachten Musikanlage dröhnen laute Rhythmen über den Platz, bis sich die Damen an den Pool verziehen. Obgleich reichlich angetrunken springen sie in Shorts und BH  ins Becken und sind schon bald von ein paar jungen Männern umzingelt, die für alkoholischen Nachschub sorgen. Tja warum wohl?

Mit Einbruch der Dunkelheit wird es um uns herum ruhig: Die belgische Familie hat ihre Kleinkinder zu Bett gebracht, eine Gruppe junger Leute hat sich oben im Dschungel  in die Cabanas  bzw. in die Hängematten verzogen, der brasilianische Radfahrer neben uns hat sich ins Zelt verkrümelt und die übrigen vier Wohnmobilpartien befinden sich zur individuellen Klausur in ihren eigenen vier Wänden. Dann gegen zehn Uhr bricht plötzlich die Hölle los: Die inzwischen sturzbetrunkenen Mexikanerinnen sind – inzwischen in Begleitung - aus dem Pool in bzw. vor  ihren Bungalow zurückgekehrt und haben ihre Anlage auf Diskolautstärke hochgeschraubt. Neben uns werden die Kinder wach und von den oberen Cabanas kommen laute Protestrufe. Nachdem sie offensichtlich nicht auf die Idee kommen, dass  außer ihnen niemand die Vorliebe für diesen Krach zu dieser Zeit teilt, macht Gustav sie höflich darauf aufmerksam -  und - hat Erfolg. Doch nur bis um vier Uhr Nachts: Jetzt wird so laut geredet, als sollte wie bei einer Kundgebung auch der hundert Meter entfernte (unfreiwillige) Zuhörer überzeugt werden. Wieder werden um uns Rufe laut und auch wir sind mehr als genervt. Dieses Mal bin ich dran. Mit Taschenlampe bewaffnet mach ich mich auf den Weg zu dem einzigen Licht auf dem Platz. Von der betonierten und überdachten Veranda hallt es wie in einer Kirche  und – inzwischen  zwei Damen und zwei Herren  - schauen mich recht verdutzt an. Nur  gaanz  laangsam, entsprechend dem Flaschenarsenal zu ihren Füßen, begreifen sie mein Anliegen und erklären sich bereit, die Unterhaltung leiser fortzusetzen. Doch noch während ich mich umdrehe, scheint dieses Vorhaben in Vergessenheit geraten zu sein. Ich wende mich dem Restaurant zu und entdecke einen Nachtwächter. Warum muss ich dem diese Situation eigentlich erklären?? Jedenfalls scheint ihm ein Licht aufzugehen und er sorgt nun für Ruhe. Ein halbe Stunde geht es gut und wir können dank Ohropax ein wenig schlafen. Um fünf Uhr morgens werden wir plötzlich durch einen lauten Ausruf geweckt, dem eine genauso laute Erwiderung folgt und noch eine und noch eine und…. Das kann ja wohl nicht wahr sein: Die quatschen immer noch! Und wieder ist alles wach, und wieder werden Rufe laut, doch anscheinend traut sich niemand von all den Gästen, sich direkt mit den asozialen Egomanen auseinanderzusetzen.  Also geh ich wieder rüber, dieses Mal mit Wut im Bauch und fordere mein Recht auf die hier zugesicherte Nachtruhe. Doch was bekomme ich zur Antwort: Sie hätten dafür bezahlt, diese Nacht mit Freunden zu verbringen in der ihr beliebigen Art. Ja, hat man da noch Töne? Über die nun folgende Auseinandersetzung kommt die Schlafmütze von Nachtwächter hinzu und versucht erneut zu vermitteln. Dann nimmt er mich beiseite und bietet Gustav und mir einen Bungalow an. Na toll, das bringt nun auch nicht mehr viel. Noch während wir im Gespräch sind, hebt sich der Lärmpegel erneut. Schlafmütze entschuldigt sich, geht zu den Störenfrieden, besinnt sich plötzlich auf Hausregeln, die hier überzogen worden sind und – Riesenüberraschung – verweist die wilden Mexis sofort des Platzes. Unglaublich: Aber die ganze Bande packt die Koffer, steigt in die beiden  Fahrzeuge und manövriert  tatsächlich im volltrunkenen Zustand vom Gelände. Auch das gibt es wohl nur in Mexiko, oder? Am nächsten Morgen versichern uns viele Reisende, dass dieses Erlebnis auch in Mexiko, zudem auf solch einem geschützten Gelände, ein Sonderfall sei. Das wollen wir dann mal lieber glauben.

Nichtsdestotrotz reisen wir wie geplant am nächsten Tag weiter ins mexikanische Hochland, nach San Cristobal de las Casas. Über grüne saftige Hänge mit üppiger tropischer Vegetation  geht es durch den Bundesstaat Chiapas. Dieser Teil Mexikos hat in den letzten Jahren immer wieder durch Unruhen und militärische Maßnahmen von sich reden lassen und auch heute noch werden immer wieder einmal Straßensperren errichtet und machetenbewaffnete Indios verlangen einen Wegzoll. Doch wir haben Glück: Nur zwei Obsthändlerinnen stoppen uns freundlich und wir kaufen ihnen gerne ein paar leckere kleine Bananen ab. Sonst werden wir von niemandem aufgehalten; mal abgesehen von den angeblich 450 Topes auf dieser ungeheuer schönen, aber auch kurvenreichen Strecke. Für diese Etappe von über 200 km und mehr als 2000 Höhenmetern brauchen wir glatte 6 Stunden.

 

 

                      Genialer Lückenfüller!                                             einfache Comida in San Cristobal

                                               Tagesmenu mit Getränk für ca. 2,50€

 

 

Hier gilt: kein Alkohol
            keinen Müll entsorgen
            keine Blumen pflücken
            nicht pinkeln
            keine Waffen - wurde weggekickt
            keine Liebe im Auto

 

                                                                                  auf diesen hohen Bürgersteigen geht es nur einspurig

                                Man beachte das Loch in der Scheibe: Ob der Fahrer noch lebt?

 

San Cristobal de las Casas, eine spanische Gründung aus dem 16. Jh.,  ist dank seiner vorwiegend indigenen Bevölkerung ein beliebtes Touristenziel. Dass diese Vorliebe von den Einwohnern natürlich nicht unbedingt  geteilt wird, versteht sich von selbst,  je mehr man über die Lebensbedingungen der Menschen erfährt. Über 40 % leben in ärmlichen Hütten ohne festen Boden, geschweige denn ohne die sonst üblichen Annehmlichkeiten  wie fließendes Wasser oder Strom. Viele leben mehr schlecht als recht von ihrer Hände  Arbeit (Webwaren, Stickereien) oder versuchen an der Straße Obst, Maiskolben, Kokosnüsse oder Tortillas an Durchreisende zu verkaufen.  Den Händlern auf den Märkten in San Cristobal mag es ein wenig besser gehen, doch darüber erfahren wir leider nicht viel, u.a. weil die Maya ihre eigene Sprache sprechen und weder sie noch wir genügend Spanischkenntnisse besitzen. Das Volk ist hier jahrhundertelang bis in die Gegenwart von Kirche, Staat und Investoren regelrecht ausgeplündert worden. Enteignungen und Vertreibung sind nichts Unbekanntes. So besuchen wir diese Stadt mit recht gemischten Gefühlen. Es ist wieder alles so unfassbar nah beisammen: Hier gibt es Luxusquartiere und Restaurants mit hohen europäischen oder amerikanischen Standards und davor warten manche Menschen, die die Gäste um die Reste ihrer übriggelassenen Mahlzeit bitten. Selbst als wir in einer kleinen Comida  das einfache Tagesgericht für umgerechnet 2,50 Euro zu uns nehmen, werden wir Zeugen, wie am Nebentisch jemand um seine Essensreste gebeten wird. Hier ist für uns mal wieder der Punkt erreicht, wo wir nicht nur unser Reisen infrage stellen.

Die Gedanken bleiben auch nicht zurück, wenn wir auf den  - durch die hier üblichen hohen Mauern abgeschotteten -  Campingplatz zurückkehren. Da tut es gut, sich mit den übrigen Reisenden auszutauschen und noch andere Sichtweisen zu entdecken.

Zu unserer großen Überraschung treffen wir hier u.a. auch auf Enrique, unseren Reisegenossen von der Fähre nach Mazatlan. Was für eine Freude! Und wieder gibt es viel zu erzählen und wir verbringen die nächsten Tage in fast familiärer Atmosphäre auf diesem schönen und ruhigen Platz.

Nach fünf Nächten zieht es uns weiter. Unser Stefan-Loose-Reiseführer empfiehlt einen Besuch des Zoos In Tuxtla Gutierrez, weil man hier die Tiere zu Gesicht bekommt, „…denen man in Mexiko rein theoretisch begegnen kann". Für uns eine willkommene Reiseunterbrechung, die einen netten Spaziergang im Schatten dieses Waldzoos ermöglicht. Es ist Samstagnachmittag und außer uns sind hier ganze Familien unterwegs, schwer beladen mit großen Kühlboxen und allerhand Leckereien, gut ausgestattet für ein Picknick in dieser Anlage. Nach diesem entspannten Intermezzo, einer ruhigen Nacht bei einem Kinderheim, erreichen wir am Sonntagabend die Pazifikküste.