19.5.2014 - Lake Ontario

19. Mai 2014 – Lake Ontario

Heute erreichen wir den Ontariosee, ein riesiges Binnengewässer, dessen Fluten über den St. Lorenz-Strom bis ins Meer vor Neufundland gelangen. Starke und weniger starke Besiedlungen säumen das Ufer., wechseln sich ab mit langen, recht ursprünglichen Abschnitten die den Blick auf die ruhige, glänzende Oberfläche des Sees freigeben. Wir genießen diesen geradezu meditativen Eindruck, bis wir uns  - mal wieder – mit so profanen Dingen wie: Wo dürfen wir denn heute Nacht bleiben? – auseinandersetzen müssen.

Überhaupt scheint das Thema Campen derzeit nicht ganz einfach zu sein. Für uns, die wir das freie Stehen von Europa so gewohnt sind, ist es nur schwer vorstellbar, das in diesem soviel größeren Land kaum ein Plätzchen zu finden ist, welches dann nicht auch noch mit Verbotsschildern ausgezeichnet ist. Tatsache ist, das die komplette Parkplatzsituation hier eine völlig andere ist: Fast alle öffentlichen Einrichtungen, wie z.B. Sporteinrichtungen, Schulen, Kirchen, selbst Friedhöfe, liegen entlang der Hauptstraße und bieten fast immer einen freien Blick auf die knappen, aber langen davorliegenden Parkmöglichkeiten. Selbst wer sich dieses antun möchte. Es ist einfach nicht Usus hier. Die großen Wohnmobile und Trailer finden sich alle auf den perfekt eingerichteten, großen Plätzen wieder.

Wir ziehen allerdings die kleinen Plätze vor, die zumeist in Naturparks liegen und ebenfalls über eine recht gute Ausstattung verfügen. Leider sind davon nur wenige geöffnet und die Suche nimmt mehr Zeit in Anspruch als gedacht.

 So auch an diesem Montagabend: Bis um 19.30 Uhr waren wir immer noch erfolglos, trotz der wenigen im  CP-Verzeichnis genannten und angefahrenen Plätze .  Wir waren schon drauf und dran ein Motel anzusteuern, als Gustav plötzlich auf dem Navi über Open-Street-Map einen nicht registrierten Campground angezeigt bekam. Also nichts wie hin! Die Motels laufen ja nicht weg.

Das Zielsignal leuchtet auf und – wir trauen unseren Augen nicht: Das soll ein Campingplatz sein??? Von der Straße führt eine wüste  Schotterpiste den steilen Hang hinunter und mündet, wenn man nicht aufpasst, auf einem wackeligen Bootssteg, bzw. direkt im Ontariosee. Links und rechts der Einfahrt fallen große Haufen von alten Holzbrettern, rostigen Metallteilen, alten Autos, anderthalb Traktoren, Berge von Plastikplanen, ausrangierten Campingmöbeln und selbst Polstersesseln ins Auge. Dahinter sieht man eine ganze Reihe festinstallierter Mobilheime, viele davon durch selbstgebaute Erweiterungen, die mehr dem Wollen als dem Können Rechnung tragen, ergänzt. Der knappe Schotterweg, der hindurchführt, wird unterbrochen von riesigen Pfützen, deren Tiefe es wohl noch auszuloten gilt. Mein erster Gedanke ist: Fehler im Navi, dies ist ein Schrottplatz. Aber ich habe das Auto nun erst mal  - vor -  dem Anleger abgebremst und bleibe erst mal sitzen, nachdenken, evtl. Plan B. Gustav macht sich derweil auf den Weg zu einer Art Blockhaus, in welchem man mit ganz viel Fantasie eine Rezeption vermuten könnte.

Auf der überdachten Veranda stehen einige rustikal gekleidete Männer um einen qualmenden Grill und ich sehe, wie mein Schatz die Männerrunde erweitert und wohl irgendwie mitpalavert. So und nun bekommt er auch was vom Grill angeboten.?? Also jetzt will ich wissen was los ist.

Jepp: Gustav kennt die Jungs schon mit Vornamen und sagt: „Das war ein lecker-Fisch. Und ob wir bleiben können, entscheidet der Boss, der grad nicht da ist. Okay!“ Es werden Fragen gestellt, nach unserem Woher und Wohin, und wir ernten Staunen. Irgendwie scheinen wir akzeptiert, denn als der „Boss“, ein in den 50ern emigrierter Sizilianer, dazukommt, weist er uns persönlich einen „freien“ Platz direkt am Ufer zu.  Frei in sofern, als das unser Kleiner grad noch auf die Grünfläche zwischen zwei Mobilheimen passt, die eben noch von drei Leuten genutzt wird. Diese Leute, ein Ehepaar und der Nachbar zur Linken, sitzen vor den Resten ihres Abendessens, welches wohl aus Steaks und jeder Menge Gerstensaft bestand, denn direkt neben der Sitzgruppe steht ein Sack mit etwa 50 leeren Bierdosen.

Das Trio ist entsprechend gut drauf, wir werden freudig begrüßt und befragt und wieder mal bestaunt. Dann staune ich: Die Frau, (nicht einer der Männer) setzt eine Flasche Sambucca an und bietet mir auch was an. Upps, wie red ich mich da nur raus, ist doch derart Hochprozentiges nicht mein Ding? Aber Gustav rettet mich und springt für mich ein. Dann verabschieden sie sich total herzlich und überlassen uns ihre Sitzgruppe und das extra neu bestückte Lagerfeuer am Ufer. Später kommen noch mehr Leute vom Platz und reden mit uns. Alle wollen die „Germans“ sehen, die mit ihrem kleinen Renault ( „very good racing-car“ – ja klar, aber nicht unser Master) über den großen Teich geschippert sind. Und so begegnen wir auch dem ersten Indianer unseres Lebens, einem Mohawk, der in einem nahegelegenen Reservat lebt und hier wohl so seine Freunde hat. Er hielt uns glatt für Hippies, weil unser Auto so bunt wäre; Na das ist doch mal was Neues! Auf jeden Fall war das ein lustiger Vogel, der viel von den Grundsätzen der Hippiebewegung hielt: Love and Peace - und uns gegenüber äußerst charmant und fröhlich war.

Alles in allem war dies bestimmt einer von den für uns unvergesslichen Abenden mit auf ihre Art so interessanten Menschen, die uns einfach so in ihrer Mitte aufnahmen und an ihrem Leben anteilnehmen ließen. Fazit: Hinterfrage ruhig mal die äußere Fassade!