Und zu guter Letzt - Nova Scotia

13. August 2015, Halifax    -   Von Ost-Kanada nach Ostfriesland

Nachdem die Verschiffung und der Rückflug nach Deutschland gebucht sind, bleiben uns noch ein paar Wochen, in denen wir Nova Scotia erkunden. Wir reisen weiterhin die Küste entlang und machen nur dann einen kurzen Abstecher, wenn das Gebiet dichter besiedelt ist und wir schwerlich einen Nachtplatz finden können.

In Campbellton, New Brunswick, ist im alten Hafen ein Gratis-Platz für Wohnmobile eingerichtet, der uns die Möglichkeit zu einem kleinen Stadtbummel bietet. Schnell wird deutlich: In diesem Ort passiert nicht mehr viel. Ein Großteil der Geschäfte in der alten „Mainstreet“ steht leer, die Gebäude machen einen leicht vernachlässigten Eindruck und die wenigen Lokale und Bistros schließen bereits um acht Uhr am Abend. Doch die renovierte Hafenpromenade wirkt einladend und zeugt von der Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

 

 

Zwei Tage später begeben wir uns mal wieder auf einen „Inlandstrip“. Wir trauen unseren Augen kaum, als wir auf einem riesigen (natürlichen) Blaubeerareal ankommen. Soweit wir schauen können leuchtet der verführerische Blauton meiner Lieblingsbeere; meilenweit, wie uns Einheimischer bestätigt. Folglich gehen wir „demütig in die Hocke“ und huldigen dem Gaumenschmaus.

 

Ein anderes Abenteuer erwartet uns in Nova Scotia. In diesem Teil der Provinz prägt die Agrarwirtschaft das Bild und wir suchen in wenig verbliebenem Waldbestand nach einem Platz für uns. Eine schmale, sehr schlechte Schotterpiste führt schnurgerade durch diesen Forst und es dauert mehrere Kilometer, bevor wir auf eine Möglichkeit zum Anhalten und an eine Abzweigung kommen. Hier machen gerade ein paar „große Jungs“ mit ihren Quads eine Pause und wir kommen ins Gespräch. Allein in Nova Scotia gibt es 80 000 dieser kleinen Off Road Fahrzeuge, deren Besitzer in ihrer Freizeit auf speziell eingerichteten Strecken ihrem Hobby frönen.  Offizielle Verkehrsschilder sorgen für Ordnung -  selbst mitten in der Wildnis – und geben die Richtung an, damit die Jungs sich nicht in die Quere kommen.   -   Und da sind wir mit unserem „Käpt´n“  nun mittendrin und wünschen uns doch eigentlich nur einen friedlichen Schlafplatz. Zum Glück besinnt sich einer der Rennfahrer, kurz vor dem Abzweig eine Möglichkeit für uns bemerkt zu haben. Nach einer kurzen Diskussion, ob denn dies für uns zu bewerkstelligen sei, und mit einem positiven Entscheid verabschieden wir uns und befinden uns für eine halbe Meile auf theoretischem Kollisionskurs mit evtl. nachfolgenden Quads, bevor wir, sehr erleichtert, die beschriebene Stelle finden. Auf diesem ehemaligen nun zugewachsenen Forstweg ist gerade so viel Platz, dass wir unseren „Blaubär“  wie in einer Naturgarage einparken können und sich leicht klaustrophobische Gefühle einstellen. Doch da es schon spät ist, sehen wir keine Alternative. Die Nacht bleibt warm, moskitogeschwängert , aber leise.

Am nächsten Morgen brechen wir noch vor dem Frühstück auf. Es sollte nicht mehr als eine Meile bis zur festen Straße sein, hatte man uns gesagt. Also steuern wir mit unserem „Käpt´n“ durch das holprige Wellental dieser Wildnis und passieren mit klopfendem Herzen ein fragwürdiges Wasserloch, bevor wir dann leicht geschockt die „feste Straße“ erreichen: Diese entpuppt sich nämlich als vierspurige Autobahn, die nur über eine etwa einen Meter hohe Böschung zu erreichen ist. Da die Quadfahrer nicht auf, sondern quer über die Autobahn fahren, um auf der anderen Seite ihren Weg fortzusetzen, gibt es natürlich keine Auffahrspur. So befinden wir uns tatsächlich in der unglaublichen Situation, mit Power diese Anhöhe nehmen zu müssen, um uns unmittelbar mit einer Viertelwendung auf die richtige Fahrspur zu bringen. Es ist Sonntag und um diese Tageszeit zum Glück noch wenig Verkehr. Wir schauen uns noch einmal an und dann gibt Gustav Gas…

Ich kann es manchmal heute noch nicht fassen; spüre noch das Aufbäumen unseres Womos, als wir diesen Abschnitt überwinden und die Erleichterung, über das leise Geräusch von glattem Asphalt unter den Rädern: Wir haben es geschafft; ohne Aufsetzer, ohne Blessuren, doch mit einer gehörig hohen Pulsfrequenz und einem Adrenalinspiegel, „der sich gewaschen hat“. Dies war vielleicht das verrückteste Abenteuer dieser Reise und wir können es wirklich nicht weiter empfehlen, mit einem normalen Straßenfahrzeug solche speziellen Allradstrecken zu fahren  -  es sei denn, man müsste eine noch schlimmere Strecke im Rückwärtsgang hinter sich bringen; es sei denn, man fährt einen alten Renault Master; es sei denn, der Fahrer bleibt so „cool“ wie Gustav; es sei denn….. Ne, besser man lässt es bleiben.

Die nächsten Tage verbringen wir auf Nova Scotias östlichem Zipfel, Cape Breton. Hier gibt es wieder imposante Steilküsten, die sich vom Besucher nicht nur per Auto, sondern auch zu Fuß erschließen lassen. Diese Ecke hat noch ein paar recht ursprüngliche Flecken, denn die steile Bergwelt hat eine Abholzung im großen Stil verhindert und so kommen wir in den Genuss alter Laubwälder mit überraschend hohem Baumbestand. Klare Bäche und Flüsse suchen ihren Weg, um sich am Ende in Kaskaden ins Meer zu stürzen. Die Besiedlung ist noch immer sehr zurückhaltend, was unserem Ruhebedürfnis sehr entgegenkommt. Kleine Fischerdörfer laden zum Verweilen ein, sind Ausgangspunkte für Wanderungen, und wer mag, besteigt ein Boot, welches einen den Walen näher bringt.  Wir halten uns mit Vorliebe an der Küste auf, steigen hoch zu den Aussichtspunkten und haben – wie immer beim Blick auf den endlosen Ozean – das Gefühl, dass sich die Freiheit dieser Weite auf uns überträgt.

 

 

          

  

 

 

Auf der anderen Seite Nova Scotias liegt Lunenburg. Deutsche Immigranten aus dem Oberrheinischen haben sich hier im 18. Jahrhundert als Fischer und Handwerker niedergelassen. Noch heute können wir die wunderschön gearbeiteten Holzhäuser, ihre durchdachten Anlagen, aber auch ihre besonderen Fischerboote bewundern.

Zwei Tage später fahren wir zum Ausgangsort unserer Reise, nach Halifax. Wir bereiten unseren „Käpt´n“ für die Verschiffung vor, entsorgen die deutschen Gasflaschen, holen unseren Mietwagen ab (sind das heute alles fahrbare Computer???), schlafen eine letzte Nacht auf diesem Kontinent in unserem rollenden Zuhause. Am nächsten Vormittag geben wir unseren treuen Begleiter im Hafen ab, verabschieden uns in den Nachmittagsstunden von Halifax, Kanada, Amerika -bevor wir im Licht der Abendsonne den Heimflug antreten.

In den über 400 Reisetagen…

- haben wir nahezu 60 000 km zurückgelegt,

- hatten wir mit wenigen Ausnahmen heißes T-Shirt-Wetter,

- gab es 10 (oder doch 12?) Moskito-, „No-See- ums“- Tage.

Unser Camper hat sich als sehr zuverlässig erwiesen, es gab keine schwerwiegenden Pannen oder gar Unfälle.

Wir hatten viel Zeit für traumhafte Landschaften, für Begegnungen mit interessanten Menschen und ihren spannenden Lebensentwürfen.

Wir haben viel Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft erfahren.

Und nun beenden wir diese Reise -  über die Maßen erfüllt von all den Eindrücken und Begebenheiten und voller Dankbarkeit für diesen wahr gewordenen Traum.

Doch – wir träumen weiter….

…auf ein Wiedersehen

– in Südamerika?

Edith und Gustav