Glacier Nationalpark - Leavenworth

13.Juli 2014  -  Campingabenteuer: Von Moskitos und anderen Bescherungen

Der Platz in St. Marie war ungepflegt, uneben und hatte nur noch vier weitere Plätze belegt. Ein junger Mann reist kurze Zeit später wieder ab, wahrscheinlich weil das angepriesene WiFi nicht oder nur ansatzweise funktionierte. Wir zahlen hier 25 Dollar und sollten fürs Duschen noch mal je 5 bezahlen - wir haben unsere eigene genutzt - und für die lautstarke Unterhaltung durch einen Küchenventilator der Gaststätte, der über das gesamte Gelände zu hören war.

Um 21 Uhr ist Ruhe damit und ab 22.00 Uhr ist, wie üblich von keinem Platzgenossen noch was zu hören, bzw. Nachtruhe. Wir sind glücklich, aber auch müde nach diesem erlebnisreichen, schönen Tag und legen uns schlafen. Gegen halb zwölf werden wir beide durch hölzerne Schläge wach; Spielt da etwa noch jemand Baseball?  -  Nein! Ein Blick aus dem Fenster zeigt uns in 40 m Entfernung, wie mehrere junge Leute, anscheinend Spätankömmlinge, in hellem Scheinwerferlicht Holz hacken. Wie sagte Obelix so schön: Die spinnen doch…..; Erst nachdem ich sie eine halbe Stunde später darauf aufmerksam mache, dass sie nicht alleine hier sind, verstummen die Schläge und wir können weiterreisen im Land der Träume.

Am Morgen fahren wir den Scenic-Highway durch den Glacier-NP, der mit seinem Alpenklima für uns nach der langen Woche in der heißen Prärie vorrangig eine erfrischende Abwechslung ist. Um weiter nach Westen zu gelangen, führt uns die Strecke zu nächst einmal nach Norden, in Richtung Eureka an die kanadische Grenze. Wieder geht es stundenlang durch menschenleere, endlose Wälder, bis wir am späten Nachmittag nach einem Parkplatzhinweis  vom Highway abbiegen. Da jegliche Entfernungsangaben fehlen und nach zwanzig Minuten im Zickzackkurs  und Schritttempo auf einer engen, sehr, sehr schlechten Schotterpiste immer noch nichts von einem „Beach-Parking“ zu sehen ist, glauben wir uns womöglich verfahren zu haben. Als wir gerade wenden wollen, entdecken wir auf dem anvisierten Platz vor uns etwa 10 Fahrzeuge. Und siehe da: Hier ist der Zugang zum See (von dem man allerdings nichts sieht oder hört) und noch ein einziger Platz  - für uns.

Während wir erst einmal eine längere Pause einlegen, kommen vier junge Leute zu ihrem Wagen und sprechen uns kurz darauf an: Der Motor ihres betagten Toyotas will nicht anspringen und ob wir ihnen Starthilfe geben könnten. Aber klar doch!  - Gustav kann sich ein Grinsen nicht verkneifen, als er die marode Batterie anschließt, und auch der Besitzer nimmt es mit Humor. Als das Fahrzeug wieder läuft, stellen sich die beiden älteren mit Namen vor und bedanken sich sehr höflich. Sie verwickeln uns in ein längeres Gespräch, mit Fragen nach uns, unserer Reise und verschiedenen Regelungen in Deutschland. Es stellt sich heraus, dass sie die High-School im letzten Jahr besuchen und ein Studium anschließen wollen. Sie erzählen von den hohen Studiengebühren, aber auch von den Chancen, die sie sich davon versprechen, und davon dass sie in ihrer Freizeit gerne schwimmen und von meterhohen Klippen springen. Wir wundern uns: Was? Hier? Ja, wir müssten nur den Hinweisen entsprechend dem schmalen Pfad durch den Wald folgen. Das ist eine Idee. Nachdem die Jungs sich verabschiedet haben, packen wir unsere Badesachen und gehen den Waldweg. Hier spenden Tannen und hohe, alte Thuja wohltuenden Schatten (37 Grad!) und querliegende Baumstämme , moosbewachsene Felsen sorgen für Abenteuerfeeling. Dann liegt ein weiterführendes Holzschild am Boden und wir nehmen die falsche Abzweigung. Nach einer Viertelstunde wird der Weg immer unwegsamer, als wir endlich unseren Irrtum bemerken und umkehren. Jetzt wird’s ungemütlich, denn nun können auf einmal die Moskitos nicht von uns lassen und attackieren Gustavs Waden und meine Arme. Mit Tempo bringen wir diesen doppelten Hindernisparcours  bis zur Weggabelung hinter uns, um uns dann dem zweiten Weg zuzuwenden.

Hier ist der Pfad tatsächlich viel ausgetretener, aber bietet zugleich noch mehr Hindernisse. Es geht wahrlich über Stock und Stein, durch mannshohes Unterholz, mal hügelauf und wieder herunter.

Wenig später hören wir hinter uns Stimmen und werden bald darauf von einem jungen Paar in Badekleidung eingeholt. Nach einem kurzen Small-Talk erfahren wir, dass wir tatsächlich auf dem richtigen Weg sind, und bekommen den weiteren Verlauf noch einmal beschrieben. Die beiden sind schon lange außer Sicht- und Hörweite, als wir beschließen: Es reicht! Die lange Fahrt in der Hitze des Tages und hier nun dieses für meine Knochen nicht ganz sichere Gelände, dazu die kleinen Blutsauger – wir kehren um.

Am Parkplatz angekommen, werden wir gleich wieder von interessierten Leuten angesprochen. Es kommt wohl nicht so oft vor, dass sich ein deutsches Wohnmobil in diese Ecke verirrt. Doch so erfahren wir, das sich ein Stück die Straße herunter ein Campingplatz befindet. Na, das wär ja mal was. Also fahren wir die Schotterpiste weiter und den Hang hinunter und landen tatsächlich auf einem Campground des Nationalforest direkt an einem Waldsee. Es stehen nur vier Plätze insgesamt zur Verfügung, von denen noch zwei frei sind; Alle haben wieder Bankgruppe und Feuerplatz, doch hier ist es zum ersten Mal kostenlos.

Leider ist der See auf dieser Seite eisig, denn hier bringt ein Fluss kaltes Wasser von den Höhen. So erfrischen wir uns einfach unter unserer eigenen Dusche und bereiten anschließend ein Abendessen zu. Es ist immer noch sehr warm im Womo und wir haben sämtlichen Luken und Fenster geöffnet, als plötzlich dichter Qualm zu uns hereindringt. Den Grund dafür entdecken wir auf dem Platz oberhalb von uns: Ein älteres, naives Paar will es den so verehrten Pionieren nachtun und versucht (wieder mal ohne Kenntnisse) ein Feuer zu entzünden. Brennpaste und feuchtes Holz machen für sie den Spaß und für uns den Albtraum möglich. Bei immer noch 28 Grad im Womo und geschlossenen Fenstern flüchten wir mit unseren Getränken ins Freie hinunter zum See. Doch – oh Schreck – wir sind nicht allein: Eine Wolke von Stechmücken hat uns entdeckt und ist dabei uns freudig zu begrüßen. Wer uns nun mit den Gläsern in der Hand hat laufen sehen, hat vielleicht an eine neue Comedynummer gedacht, aber das war uns in dem Moment wirklich herzlich egal. Wir also nichts wie rein ins Womo, runterkommen, flach atmen um zusätzliche Hitze zu vermeiden und die ewigen Luftverpester in diesem Land mal kräftig verwünschen. Nach einer knappen Stunde haben die beiden Stinker wohl selber genug, denn das Gequalme wird erstickt. Inzwischen ist es 22.00 Uhr und die vertraute Nachtruhe bricht an. Als auch wir uns nun zu Bett begeben, bemerken wir ein paar Moskitos, die es irgendwie geschafft haben die Absperrungen zu umgehen (wahrscheinlich hinter unserem Rücken *gg*). Also ist erst einmal das große Gemetzel angesagt. Wir beide wetteifern um die meisten Treffer, denn ich bin – für alle die mich kennen – in dieser Disziplin echt gut geworden. Wir staunen allerdings um die Anzahl, denn die ursprünglich wahrgenommenen vier haben sich auf über zwanzig vermehrt. Irgendwann glauben wir (und fühlen uns…) fertig und legen uns schlafen, bis kurz darauf ein enervierender Fiepton an meinem Ohr mich hochschreckt und Gustav mit einem Schlag gegen seine Wange zum Masochisten wird. Na klar, die Party ist noch nicht zu Ende. Also Licht an und bei dem Versteckspiel der Moskitos die Schnelleren sein. Doch „Immer wenn du denkst es kommt nichts mehr, fliegt von irgendwo ne Mücke her..“ Irgendwann nach Mitternacht löschen wir das Licht und fallen erschöpft in einen unruhigen Schlaf. Um halb sechs in der Früh stehen wir auf und verlassen schleunigst dieses Gelände. Doch der frühe Aufbruch hat nun auch seine guten Seiten, denn wir erleben wunderschöne, fast barocke Morgenszenarien: Wir sehen Hirsche auf taunassen Wiesen äsen, Hasen die einander über die Hügel jagen, Weißkopfadler erhaben auf dem Baumstamm thronen, Schwalben, die über glitzernden Seen den Insekten nachsetzen und über allem das warme Licht der aufgehenden Sonne, das zu dieser Tageszeit einfach nur angenehm ist.

In Eureka gehen wir um 6.45 Uhr (!) in einem Supermarkt ein paar frische Lebensmittel einkaufen und können auf die Art noch unsere kanadischen Dollar loswerden. Kurz hinter dem südlichen Ortsausgang finden wir einen Picknickplatz, wo wir nun endlich in aller Ruhe frühstücken können. Zwei Stunden später sieht die Welt doch gleich noch mal viel besser aus und wir setzen unsere Reise fort. Nach über 440 km landen wir am Nachmittag in Coeur d Alene  -   auf einem RV-Platz, der wieder mal nicht hält, was er verspricht: Schnelles WiFi, Waschmaschinen und Trockner. Beim WiFi wundert uns schon gar nichts mehr, denn das hatten wir seit Ennis in Montana nicht mehr. Aber dass so ein großer Platz nur eine Waschmaschine und einen einzigen Trockner hat, das hat es so auch noch nicht gegeben. Während Gustav und ich mit zwei großen Wäschesäcken hier eintreffen, kommen wir mit einem Paar ins Gespräch, das vor uns dran ist. Die beiden sind auf dem Weg nach Alaska und geben noch so einige Tipps mit auf den Weg. Angeblich wäre dort (am Meer) die Mückenplage viel geringer als hierzulande, versuchen sie uns zu locken. Wir plaudern noch eine Weile und so vergeht die Wartezeit im Nu und wir können eine Ladung in die Maschine geben. (Ist auch gut so, denn eine weitere Familie wartet schon auf den Einsatz.) Doch was ist das? Als ich nach einer Viertelstunde die Temperatur prüfe, ist die alles andere als Hot oder Warm, einfach nur kalt. So ein M….! Die Maschine ist defekt. Der Mann an der Rezeption weiß auch nicht weiter, verspricht aber einen Monteur zu rufen. Das nützt uns nun aber nichts und so beschließen wir die Waschaktion an anderer Stelle fortzusetzen. Wir fahren zehn Kilometer in den örtlichen Waschsalon und dies entpuppt sich auch in anderer Hinsicht als gute Idee: Hier herrscht eine ganz tolle, lockere Athmosphäre mit einer Loungeecke und TV-Bereich, einer Getränke- und Snackbar und ganz toll – Plätzen mit Stromanschluss für eine schnelle und gesicherte Internetverbindung als Draufgabe. Eine nette Dame gibt uns eine kurze Einweisung und eine Gäste-Keycard und schon kann es losgehen, hungrige Waschbottiche zu füllen. Anschließend holen wir unsere Notebooks  aus dem Womo  -  und - werden erst einmal wieder von einer interessierten Familie angesprochen. Es stellt sich heraus, das der Vater – mit Schweizer Wurzeln - ein mit Anfang Vierzig in den Ruhestand versetzter, hochrangiger Soldat ist, der drei Kriege miterlebt hat. Sie warten hier vor dem Waschsalon auf den Abschleppdienst, denn das tags zuvor erworbene Auto hat bereits seinen Dienst versagt und so werden sie es zurückgeben. Das Gespräch mit den beiden wird recht persönlich, als sie nach einer Weile von seinen Traumata berichten und davon, dass er mit seiner Familie zurück in die Schweiz möchte. Es wird sicher nicht einfach werden, denn die acht und zehnjährigen Jungen können kein Deutsch, lieben American Football und sind auch so schon mit ihrer bisherigen Heimat verwurzelt.

Wir hoffen mit ihnen auf einen guten Neuanfang.

Zwei Stunden später ist sämtliche Wäsche sauber, trocken und füllt wieder die Schränke und Gustav hat inzwischen eine Menge Web-Arbeit nachholen können. Auf dem Rückweg zum RV-Park stoppen wir noch an einem Elektronikladen, wo Gustav tatsächlich einen neuen Trafo für mein Notebook bekommt. So war dieser Tag doch noch recht erfolgreich.

 

Nach einer ungestörten Nacht geht es anderntags weiter über total trockene Landstriche, denen man nur durch extreme Bewässerung Früchte und Getreide abverlangen kann – bis ins wieder alpine Gebiet um Leavenworth.

Dieser Ort war im 19. Jahrhundert ein Versorgungsposten für den Eisenbahnbau und drohte viele Jahre später eine Geisterstadt zu werden. In den 1960-ern wollten ein paar Leute auf jeden Fall ihre Stadt retten und hatten die verrückte Idee, diese in ein europäisches Alpendorf zu verwandeln. Sie haben es tatsächlich geschafft, das alle Bewohner mitspielten; Fortan wurden die Häuser entsprechend umgestaltet, die Wirtshäuser, die Hotels, Cafes, Souvenierläden, sogar MacDonalds – alles wurde bayerisch bemalt, beschriftet, verziert. Alle öffentlich auftretende Frauen tragen Dirndl, Männer Lederhosen und Hemd und es gibt Würstl, Sauerkraut, Brezel und Bier. Es gibt eine Blaskapelle, eine Tanzgruppe und mehre Umzüge im Jahr. Es wurden Wanderwege angelegt, es wird Rafting, Kanusport und Klettern angeboten und im Winter locken Loipen und Routen für Schneemobile. Doch mit Ausnahme von Andreas Keller (Besitzer gleichnamiger Gaststube), spricht niemand bayerisch oder deutsch und es gibt keinen historischen Bezug. Gerade auch deswegen muß man über den Erfolg dieser Geschichte staunen, zeugt sie doch von enormer Disziplin und Zusammenhalt einer Gesellschaft.