Grand Canyon

9. September 2014  -   Grand Canyon

Wenn Größe überwältigend ist, dann am Grand Canyon. Am Aussichtspunkt „Matherpoint“ , nahe dem Visitorcenter, sind Stufen in den Fels geschlagen, die logengleich einen atemberaubenden Blick auf die vielfarbige Felsenszenerie des Grand Canyon freigeben. Die Weite, Tiefe und die Vielfalt an Formen und Farben ist nur schwer für das menschliche Gehirn zu begreifen, und so sinken wir etwas fassungslos auf die Stufen nieder.

Wir sind zum Sunset hier, das bedeutet, dass die Abendsonne nun - gleich einem Dirigenten – vor dieser Kulisse ihren Auftritt hat. Alle Farben des Regenbogens scheinen ihr mit Freude zu gehorchen, springen von den Steilhängen zu den Niederungen, schmiegen sich an die Vorsprünge oder ziehen mit Leichtigkeit empor zu den Höhen. Ein „Konzert“ für die Augen. Von Purpur bis Gold sind es die warmen Töne, die es uns besonders antun. Die Nuancen wechseln so schnell, dass das Auge manchmal gar nicht mehr mithält, geschweige denn die Kamera. Wir lassen uns einfach überfluten, mitreißen und fühlen uns gerade sehr reich beschenkt.

Als die Sonne sich verabschiedet hat und  die kühlen Farben des Nordens mit ihren Blau-, Grau- und Violetttönen die Regie übernehmen, ziehen auch wir uns langsam zurück. Auf einem kleinen Forest-Campground vor dem Eingang ist noch mehr als genug Platz für uns, um zur Ruhe zu kommen und all die traumhaften Erlebnisse zu verarbeiten. Hier bleiben wir für knapp eine Woche, planen unsere Ausflüge in den Canyon und lernen vier weitere Langzeitreisende kennen: Die Landsleute, Günter und Ilka, die mit ihrem Offroadtruck seit 15 Monaten in Kanada, Alaska und den Staaten unterwegs sind (siehe Link) und die Schweizer Esti und Roland, die die Panamericana von Südamerika aus befahren haben (siehe Link). Es ist sehr spannend, was die vier auf ihren unterschiedlichen Wegen erlebt haben und so sitzen wir tatsächlich einige Stunden zusammen und tauschen uns aus: Wo ist es schön, wo gefährlich, wo kann man stehen, wo bekommt man was man fürs Reisen im fahrbaren Eigenheim benötigt.

Doch tagsüber steht natürlich der Canyon auf dem Programm. Er umfasst ein riesiges Areal von 480000 ha und ist am Südrand 2133 m über dem Meeresspiegel. Der Colorado-River fließt auf einer Länge von 433 km durch ihn hindurch. Oben ist der Canyon 14 km breit. Zum Fluss aber muss man 1600 m hinabklettern. Dieser ist, was man von oben nicht erkennen kann, 90m breit. Da er außerdem zwischen 3m und 13m tief ist, lässt er sich nicht so einfach überqueren. Deswegen wurde tief unten eine Brücke gebaut. Die Stahlseile dazu wurden von Menschen und Maultieren herunter geschleppt – eine bemerkenswerte Leistung!

Um diese Dimensionen etwas näher zu erfahren, steigen wir an zwei Tagen Teilstücke der alten Trails hinab. Es ist unglaublich, aber für die 2,5 km, die in Serpentinen 500 m in die Tiefe führen, benötigen wir (insbesondere ich) 1 Stunde und für den Rückweg glatt noch mal die doppelte Zeit. Aber ich empfinde ein überwältigendes Gefühl von Glück und Dankbarkeit, dass ich diesen Weg trotz meiner Einschränkungen machen kann, und freue mich nach jeder Wegbiegung über einen neuen Ausblick.

An dem uns gesetzten Zielpunkt befindet sich die erste Raststelle. Die meisten Wanderer legen hier einen Zwischenstopp ein und ein etwa 70-jähriger, sehr rüstiger Ranger wacht ein wenig über die Sicherheit der einzelnen. Wir kommen ins Gespräch und erfahren, dass er jeden Tag auf diesem Trail unterwegs ist, und wir spüren, wie sehr er seinen Arbeitsplatz liebt. Schmunzelnd bemerkt er, dass er jetzt allerdings ein wenig länger für den Weg braucht als in jungen Jahren. Es ist halt für trainierte Menschen ein Tagesmarsch bis zum Colorado hinunter und ein weiterer für den Aufstieg. Doch er berichtet auch von leichtsinnigen Besuchern, die ohne ausreichend Trinkwasser bei dieser Hitze in die Schlucht steigen, die in Flip Flops unterwegs sind oder ganz einfach ihre Kräfte überschätzen. Es würde immer wieder zu Unfällen kommen und manchmal müsste die Flugrettung jemanden hier von diesem kleinen Felsvorsprung abholen. Er zeigt sich allerdings beruhigt und zugleich beeindruckt, als Gustav ihm erzählt dass er die Uhr im Auge behält, weil wir zwei Stunden für den Rückweg einplanen würden.

Doch zuvor genießen wir den Ausblick auf dieser Ebene, denn der lässt uns immer noch staunen: Von den 1,5 Höhen-km sind wir gerad ein Drittel hinabgestiegen und doch kann man die Herberge unten im Tal kaum mit dem bloßen Auge erkennen; erscheinen der Fluss als schmales Rinnsal und die Felswände genauso majestätisch wie am Anfang.

 

Wohlbehalten und ohne Blessuren gelangen wir wieder an den Ausgangspunkt, gerade rechtzeitig zum Sunset an diesem Abschnitt.

Die nächsten Tage verbringen wir abwechselnd mit Lesen, Schreiben, Womo-Haushalt versorgen und Spaziergängen auf verschiedenen Abschnitten entlang den Steilhängen des Grand Canyon.

Nach einer Woche fahren wir die 40 km zum Campground am Osteingang des Parks. Hier wollen wir uns mit Esti und Roli treffen. Doch was ist das? Es ist nach 17 Uhr und am Eingang hängt ein Schild: Campground full! O weh! Gustav fährt trotzdem rauf, weil wir ja einen Stellplatz teilen wollten. Ja und da werden wir auch tatsächlich schon von den netten Schweizern erwartet; leider mit der Nachricht, das hier das Teilen eines noch so großen Platzes nicht erlaubt wäre. Aber wir vier lassen uns nicht ermutigen. Gustav und ich machen uns auf zum Camphost, ein uriges, nettes Paar, wie sich herausstellt. Wir schildern unser Problem und den Wunsch, einen Platz mit Freunden zu teilen. Die Frau reagiert zunächst unsicher, weil sie nicht gegen die Statuten verstoßen und keinen Ärger mit den Rangern haben möchte (Wir übrigens auch nicht!!). Ihr Mann bemerkt meinen hoffnungslosen Blick und meinte, das wäre zu lösen: Wir wären halt Besucher von den Schweizern. Coole Idee! Stimmt ja auch irgendwie. Während also diese Angelegenheit geklärt ist, kommt Esther ganz aufgeregt dazu und meint, es gäbe ein neues Problem: Demnach haben zwei Südafrikaner genau diesen Platz schon heute Morgen bezahlt, aber nicht registriert. Wow, was es alles gibt! Der Host beschließt mit uns zu besagtem umworbenem Platz zu gehen. Gegenüber haben es sich bereits andere Camper vor ihrem Mobil gemütlich gemacht und harren vergnügt der Unterhaltung, die ihnen geboten wird. Frotzelnd und fröhlich werden Vorschläge und Kommentare abgegeben und von uns entsprechend erwidert. Der Host nimmt die Afrikaner beiseite und klärt sie über ihren Fehler auf. Er spricht mit uns, und nachdem weder die Schweizer noch irgendjemand sonst etwas dagegen hat, werden die zwei kurzerhand auch zu Besuchern von Esti und Roli erklärt. So stehen wir denn tatsächlich mit drei Fahrzeugen auf einem Platz. Wenn das nicht interkontinentale Ökonomie ist? Die Nachbarn kriegen sich fast nicht ein vor Lachen; ich meine, dieser Platz wäre nun definitiv „full“; die jungen Südafrikaner bauen ihr Zelt auf und wir vier Europäer treffen uns im Phönix auf ein Glas Wein, während die hereinbrechende Dunkelheit nun langsam für Ruhe sorgt.

Gut ausgeruht und ohne Rangerärger wechseln wir am nächsten Morgen zum frei gewordenen Platz gegenüber, während die jungen Leute weiterziehen. Später unternehmen wir einen gemeinsamen Ausflug zu den Naturhighlights hier im Osten des Nationalparks. Wir besichtigen den von der Architektin Mary Jane Colter gebauten „Watchtower“ und verlassen den Grand Canyon zwei Tage später in Richtung Norden, während Esti und Roli nach Süden weiterfahren. Da die großen Nationalparks hier alle relativ nah beisammen liegen, und man sie meistens in der einen oder anderen Richtung bereist, ist es gut möglich, das wir vier uns noch einmal wiedersehen.

Falls ihr dies lest, Esti und Roli: Es war toll euch getroffen zu haben, miteinander zu klönen und zu lachen und von euren Erfahrungen profitieren zu dürfen. Euch eine behütete Reise!