Zwangspause in Payson

15. Oktober, 2014 – Payson, Arizona

Wer hätte gedacht, dass dieses 15000-Seelen-Städtchen für uns zu einem besonderen Ort werden würde? Wir mit Sicherheit nicht!

Die Nacht zuvor haben wir wieder wunderbar ruhig und schön abgelegen in der Wildnis verbracht. Eine  Schotterpiste mit einigen Unebenheiten -  bringt uns bei langsamer Fahrt  - über eine Strecke von etwa 10 km wieder in die Zivilisation – aber auch das Klackern auf der Fahrerseite zurück ins Bewusstsein. Auf dem glatten Highway ist wieder alles ruhig, so dass man fast an ein Phantom glauben könnte.

Wir lassen das karge Plateau hinter uns und wählen die Strecke, die uns auf den Weg zum „Petrified Forest“ bringen soll. Und so geht es nun in die Berge hoch, wo das Klima bewaldete Hänge und Bäche zum Vorschein bringt  - und über Serpentinen mit schwungvollem Gefälle ins Tal. Wir sind vielleicht eine halbe Stunde unterwegs, als es passiert: Beim Versuch den Gang runter zuschalten, kommt das Pedal nicht mehr zurück. Schock!!! In der gleichen Sekunde den Fuß auf die Bremse und unten im Tal den nächst möglichen Nothaltepunkt anvisiert. Auf dem Parkplatz eines kleinen Baumarktes kommen wir zum Stehen. Uff! Erst mal durchatmen! – Was war das denn nun gerade?  - Gustav ist schon draußen um den Schaden zu begutachten und wird dabei von dem heraneilenden Besitzer des Marktes unterstützt, der uns auf die ansehnliche Ölspur bis zum Heck unseres „Käptens“ aufmerksam macht. Au weia! Der Worst-Case, den wir zwar im Hinterkopf, aber mit dem wir doch nicht so schnell gerechnet hatten, ist eingetreten: Wir brauchen Hilfe für unseren Renault – und das noch in den Staaten. Vier Autostunden weiter südlich wäre das wahrscheinlich kein Problem mehr gewesen, denn da hat unser Master viele Brüder. Aber gut – da müssen wir jetzt durch…

Noch während ich schnell unsere Möglichkeiten sondiere, hat dieser nette Marktbesitzer schon seinen Nachbarn im wahrsten Sinne des Wortes herüber gepfiffen: Mike, ein Automechaniker (!) mit eigener Werkstatt, nimmt sich unseres Dilemmas an. Nach kurzer Begutachtung steht für ihn allerdings fest, dass er unser Womo nicht reparieren kann. Doch er glaubt, dass man uns im Nachbarort weiterhelfen wird. Also bestellt Mike einen Abschleppdienst, der uns die 15 Meilen bis Payson in die Werkstatt von „Miller-Auto-Works“ schleppt. Hier wird „Blaubär“ abgeladen und nun von Conor, dem Co-Inhaber dieser Werkstatt, überprüft. Conor gibt uns Hoffnung, als er meint, er könnte den Kupplungsschaden reparieren, wenn er die Teile denn hätte. Das würde etwa 7 – 10 Tage dauern. Wir geben ihm zu verstehen, dass wir die Teile wahrscheinlich schneller bekommen könnten und damit ist Conor einverstanden. Er würde bei einer fehlerhaften Lieferung eh auf den Sachen „sitzen bleiben“.

Aber wie geht es nun weiter? „Blaubär“ ist ja nicht nur ein fahrbarer Untersatz, er ist schließlich unser rollendes Zuhause. Auf dem Gelände der Werkstatt dürfen wir nicht bleiben, ein Umzug in ein Hotel wäre für uns aus mehreren Gründen eine Zumutung und zu guter Letzt hat der einzige Mietwagenverleih kein Fahrzeug zur Verfügung. Da kommt mir die Idee mit dem RV-Platz, den wir am Ortseingang wahrgenommen hatten. Conor stimmt mir zu, ruft einen Abschleppdienst (Na wen wohl?) und wenig später werden wir von einem grinsenden Fahrer mit „Hey Guys, how are you?“ begrüßt und ich: „Hey, nice to see you again!“ Geht doch nichts über Galgenhumor, oder?  - Aber wenigstens sind die Jungs hier nett und versuchen uns aufzumuntern. So geht es nun noch mal huckepack durch die Stadt bis zum Payson-RV-Resort. Zu dritt gehen wir in die Anmeldung und stellen fest, dass unser Problem gar nicht so ungewöhnlich ist: Wir sind nicht die Ersten, die hier wegen einer Autoreparatur gestrandet sind, allerdings schon die ersten Deutschen, zumal mit dem eigenen Womo. Na klar! – Was hat uns eigentlich noch mal in diese Gegend verschlagen????

Unser Kleiner kriegt nun einen großen, sogenannten „Durchfahrplatz“ zugewiesen und wird hier ganz behutsam abgesetzt. Wir bedanken uns bei dem Fahrer und verabschieden uns mit einem „ Hope to see you again!“ Und dann sind wir erst einmal allein, können das irgendwie Unfassbare langsam verarbeiten,  schon mal einem Stück Verzweiflung Raum und der Kleenexschachtel den Vorzug geben. Was geht einem nicht alles durch den Kopf: „Was ist, wenn das Fahrzeug nicht repariert werden kann, - weil ein Teil fehlt, - weil die Mechaniker einer Fehleinschätzung unterliegen, - weil noch andere, unentdeckte Schäden vorhanden sind,  - weil die Kosten den Wert des Womos übersteigen?“ Es ist Nachmittag und um diese Zeit ist niemand in Deutschland zu erreichen, mit dem wir diese Situation durchsprechen könnten. Zum Glück hat der RV-Platz Internet und so versuchen wir in den nächsten Stunden ein paar Antworten im WWW zu finden. Doch die innere Unruhe lässt uns in dieser Nacht nur wenig Schlaf finden.

Am nächsten Vormittag kommt Conor persönlich vorbei und übergibt Gustav eine Liste mit den zu bestellenden Teilen. Jetzt wird erst einmal unser Autoclub „Mobil in Deutschland“ kontaktiert, der für derartige Pannensituationen speziell in den USA einiges an Hilfen im Program hat, die wir jetzt gut gebrauchen können. So erfahren wir denn, dass der Club sich in Zusammenarbeit mit unserer heimischen Werkstatt um eine rasche Beschaffung und Versendung der benötigten Ersatzteile kümmert und zudem die Kosten dafür trägt. Wir werden gebeten, die Artikelnummern bei unserer Heimatwerkstatt durch zugeben, die Teile würden anschließend dort abgeholt und weiter geleitet.

Soweit so gut! Nur dass jetzt schon wieder Geschäftsschluss in Deutschland ist. Mist! – Am nächsten Morgen, halb fünf in Arizona, versuchen wir Heinz Dehne, den „Werkstattmeister unseres Vertrauens“ – per Skypetelefon zu erreichen. Leider ist die Verbindung so schlecht, dass wir auf diesem Weg kaum kommunizieren können. Doch über Mail klappt es und bald sind alle Fragen geklärt; nur müssen wir uns noch eine Weile gedulden, denn es ist Freitagnachmittag und die Ersatzteile werden erst am Montag in Westerstede eintreffen. Später teilt uns die „Mobil“ mit, dass die Teile höchstwahrscheinlich nächsten Mittwoch oder aber am Donnerstag bei uns in Payson sein werden. Super! Dann ist das ja schon einmal absehbar. Wir benachrichtigen unsererseits Conor über den Versandtermin per Mail und dann heißt es wieder: Warten!

Zwischendurch lernen wir die beiden Verwalterpaare dieses RV-Resorts kennen. Mike und Melody stammen aus dem Staat New York, Conny und Dough aus Vermont. Alle vier sind auf Rente, haben ihr Häuser verkauft, leben jetzt in Riesenwohnmobilen und übernehmen schon mal für eine bestimmte Zeit die Aufsicht auf einem RV-Platz ihrer Wahl. Dafür können sie sozusagen kostenfrei wohnen und erhalten noch eine Aufwandsentschädigung für ihre Arbeit. Für uns sind sie allerdings eine unverhofft warmherzige und offene Begegnung, in der wir sehr viel Anteilnahme erfahren. Sie schauen einfach mal vorbei und fragen, wie es uns geht; bieten ihre Hilfe an, auch fahrtechnisch, und durchdenken mit uns die verschieden Szenarien. Wie gut dieser Kontakt ist, wird eine Woche später noch mal deutlich.

Am Montag erhalten wir von „Mobil“ die Nachricht, dass die Teile auf dem Weg sind. Gleich wird Conor noch mal benachrichtigt, doch wir erhalten erst am Dienstagabend von ihm eine Mail, dass er sich bei Ankunft der Teile mit uns in Verbindung setzen will. Okay, denken wir- er hat die Sache wohl im Griff. Wir haben von UPS-die Sendungsnummer erhalten  und können jetzt direkt die Reiseroute verfolgen: Am Montagnachmittag ab Westerstede, abends Köln-Bonn, Dienstag Morgen – Ankunft in Philadelphia – ab durch den Zoll, mittags in Kentucky , abends in Phoenix, Arizona und schon am Mittwochmorgen um 9.30 Uhr hier im Ort. Wow, das ging aber zügig! Wir sind überglücklich, denn wir haben die baldige Freiheit schon vor Augen. Doch denkste! – Als Conor sich bis zum Mittag nicht bei uns meldet und Anrufe unsererseits einfach aufgelegt werden, sind wir nun doch beunruhigt. Wir gehen zum Empfang  hier auf dem Platz und möchten von hier aus ein Telefonat führen. Melody hat gerade den Hörer aufgelegt und sieht uns mit ernster Mine an: „Schlechte Nachrichten!“ Conor hat erst nächste Woche Zeit für unser Womo. Schock Nr. 2! -  Wie kann das sein? Er wusste doch, dass die Teile hier sein würden. Wir hatten angenommen, er hätte uns am Donnerstag oder spätestens am Freitag einen Termin freigehalten. Oder hat er plötzlich Angst bekommen, unser für ihn fremdes Fahrzeug auseinanderzunehmen? Wir wissen nicht, was wir denken sollen. Fassungslosigkeit macht sich breit und das nicht nur bei uns. Auch der Besitzer des RV-Resorts ist im Büro und gemeinsam mit Mike, Dough und den beiden Frauen überlegen wir, was wir nun tun können. Man versichert uns, dies sei kein seriöses Geschäftsgebaren, auch nicht hier in den Staaten. Mike macht für uns noch eine Alternativwerkstatt ausfindig. Doch die hat auch erst am Montag Platz. Wir finden, wir müssen mit Conor reden. Melody telefoniert mit der Werkstatt, aber Conor ist unterwegs auf Probefahrt; das könnt noch ein Weilchen dauern. Daraufhin beschließt Dough, uns mit seinem Wagen raus zu fahren und uns zu dem Gespräch zu begleiten. Gesagt -  getan. Vor Ort sehen wir Conor durch die offene Bürotür grußlos in die Werkstatt verschwinden. Die Sekretärin eilt ihm hinterher, kommt zurück: Ja, Conor wäre gleich bei uns. – Na schön. Dennoch macht sich bei uns ein unbehagliches Gefühl breit.

Wenig später steht er tatsächlich vor uns, schaut mich herausfordernd an: „Was ist los?“ – Ja, was wohl?  Als ich frage, warum er den Wagen denn nicht diese Woche reparieren könne, geht er gleich in eine Verteidigungshaltung: Er hätte erst gestern Abend erfahren, dass die Teile heute eintreffen würden und nun hätte er die ganzen Arbeitstage voll. – Wie bitte?? Gestern Abend? – Gustav und ich denken beide dasselbe, sagen aber nichts mehr. Die Atmosphäre ist eh schon geladen. Außerdem mokiert er, dass das gelistete Schwungrad nicht in der Lieferung wäre; und bei der Reparatur: Wer wüsste schon, was da noch alles schief gehen könnte oder welche Teile zusätzlich fehlen. Jetzt greift Dough ein und meint, es wäre doch lediglich der Hydraulikzylinder defekt, das dürfte eigentlich kein Problem sein. Und er gibt zu verstehen, dass wir nunmehr eine gültige Terminzusage bräuchten. „Nächste Woche“  ist eine unzumutbare, vage Zeitangabe. Daraufhin fragt uns Conor, ob wir bereit wären, wenn er das Womo am Montagmorgen um halb Acht abholen lassen würde. Darauf Gustav: Na klar, wir wären auch um halb sechs fertig, wenn nötig. So verbleiben wir also auf diesen Termin, fahren mit Dough zurück zum RV-Resort, wo die anderen uns schon voller Erwartung empfangen. Wir können es noch gar nicht fassen, dass diese uns bisher unbekannten Menschen sich so liebevoll um uns kümmern und unterstützen und wir sind unglaublich dankbar dafür; auch Dough, der uns so hilfreich unterstützt hat und nun, wie er sagt, auch als Zeuge fungiert. Am Ende bezahlen für die nächsten Tage und ziehen uns erst einmal in unser nunmehr stehendes Zuhause zurück, um diesen Schrecken des Tages zu verdauen: Noch mehr Tage in Unfreiheit und Unsicherheit bez. des Ausganges! Ein bisschen fühlen wir uns wie im Film: „Murmeltiertag“, oder „Terminal“ – Wir sind in Raum und Zeit auf einen von außen reduzierten Bewegungsspielraum gefangen.

Wir verbringen die Nächte meist unruhig, die Vormittage mit der Hoffnung auf Internetkontakten und den Nachmittag mit einem Gang in den Ort. Hier sind wir in der Regel die einzigen Fußgänger, was auch nicht weiter verwunderlich ist: Vom RV-Resort führt ein Gehweg entlang der vierspurigen Highway, der zwar sicher, aber eben auch recht laut ist. Auf einem halbstündigen Fußweg erreichen wir drei große Supermärkte, ein Sportfachgeschäft, ein Kaufhaus, ein Bekleidungsfachgeschäft und unzählige Fast-Food-Läden. Zu hungern brauchen wir wahrlich nicht. Uns fehlt lediglich die Bewegung in Form von sportlichem Gehen über kilometerlange Distanzen, wo man nicht ständig den Fahrzeugen ausweichen muss und vom Verkehrslärm übertönt wird. Aber das bleibt innen, denn alles Klagen nützt ja nichts. Genau betrachtet haben wir ja auch noch mehrfach Glück im Unglück gehabt:

1.) Wäre uns die Panne in der abgelegenen und schwer zugänglichen Wildnis passiert, wo wir übernachtet haben, hätten wir erst einmal sehr lange auf Hilfe warten müssen.  

2.) Wir sind in Pine direkt gegenüber einer Autowerkstatt zum Stehen gekommen, wo wir sofort sozusagen Erste Hilfe geleistet bekamen.

3.) Wäre es nach dem Örtchen Pine passiert, hätte ich das Fahrzeug auf einer Strecke von 15 Meilen nirgendwo an die Böschung fahren können.

4.) Conor hat uns am selben Tag zugesagt, das er grundsätzlich in der Lage ist unseren Renault zu reparieren (wir hatten für die Staaten anderes gehört).

5.) Wir können die Wartezeit in unserem eigenen Womo verbringen, anstatt in ein Hotel zu müssen.

6.) Wir können unser Womo versorgen, haben Internet und die Einkäufe sind locker fußläufig zu erledigen.

7.) Und last but not least: Wir haben hier mit Melody und Mike, mit Conny und Dough diese wundervollen Menschen kennengelernt, die wir sonst nie getroffen hätten.