Hoch im Norden - Montana, North Dakota, Minnesota

 27. Juni 2015: Hoch im Norden – Montana, North Dakota und Minnesota

 

Zurück in Montana finden wir auch gleich wieder hübsche, ruhige Stellplätze mit ausreichendem Platzangebot und dann sind die meisten sogar noch gratis. Am Anfang wundern wir uns noch über den Unterschied zwischen Kanada und den USA in Bezug auf Campgrounds; doch dann wird schnell deutlich, warum das so ist. Während wir uns auf US-Seite auf eher spärlich besiedeltem Gebiet mit für die Agrarwirtschaft zum Teil uninteressantem Gelände befinden, ist die kanadische Seite mit den Provinzen Alberta und Saskatchewan, auch als Kornkammer Kanadas bekannt, fest in den Händen von Farmern und Ranchern.

Hinzu kommt, dass sich der größte Teil der kanadischen Bevölkerung auf diesem schmalen Streifen entlang der US-Grenze niedergelassen hat. So kommt wohl eines zum anderen, also wenig freier Raum für Erholungsplätze, und die sind dann am Wochenende und in der Saison auch schnell mal überlaufen. Dass die Preise dafür (nach unseren US-Erfahrungen) unangemessen sind, ist allerdings nur noch ärgerlich. Wir lassen uns überraschen, wie wir uns in Zukunft da „durchwuseln“ können. Zunächst einmal reisen wir diesseits der Grenze weiter gen Osten und lernen dabei eine ganz andere Seite der Vereinigten Staaten kennen. Hier ist internationaler Tourismus unbekannt und wir machen dort Pause, wo auch die Menschen dieser Region ihre Erholung suchen. Auf den Seen und Flüssen frönen sie ihrer Angelleidenschaft oder treffen sich zum „Barbecue“ mit Freunden und Familie.

So verbringen wir ein friedliches Wochenende in der Nähe von Fort Peck am Missouri, bevor es uns am Sonntagabend ein wenig unheimlich wird: Es ist gegen 18 Uhr, als der warme Wind langsam eine graue Wand über die Prärie uns entgegen schiebt. Nein, kein Nebelfeld. Ein leiser Geruch nach feuchtem Holzrauch. „Haben etwa unsere 300 Meter entfernten Nachbarn ein unsachgemäßes Feuer entzündet“? Nein! Auch sie scheinen sich zu wundern.

Eine  Stunde später hat die graue Wand uns erreicht. Es ist eindeutig Holzrauch und wir sind gezwungen „alle Luken dicht“ zu machen. Leider hat sich die Situation bis 22 Uhr nicht verbessert und wir müssen wohl oder übel versuchen bei Innentemperaturen von 30 Grad in den Schlaf zu finden. Das klappt auch irgendwie. Doch gegen ein Uhr in der Nacht werde ich plötzlich wach, Übelkeit, Schweißausbrüche, es brennt in der Nase, dann auch in den Augen – im wahrsten Sinne „dicke Luft“. Ich wecke Gustav, wir versuchen zu lüften, doch draußen ist es ärger als zuvor. Mit leichter Panik machen wir uns abfahrbereit.

Dies wird die erste Nachtfahrt auf diesem Kontinent. Die Landschaft ist unendlich weit und wir haben keine Ahnung, wie lange wir fahren müssen, um wieder frei atmen zu können. Es ist fast unerträglich warm im Womo und wir müssen die Fenster noch immer geschlossen halten. Der Rauch verwandelt Ortschaften, Bäume und Büsche in eine gespenstische Szenerie, während wir voller Konzentration nach dem Ende dieses Dilemmas und einem neuen Ruheplatz Ausschau halten.

Es dauert tatsächlich zwei Stunden, als wir nach knapp 200 Kilometern in dem kleinen Ort Culbertson fündig werden. Hier ist der Sauerstoffanteil noch nicht ganz, aber immerhin zum größten Teil wieder vorhanden. Auf dem örtlichen Rastplatz kommen wir zur Ruhe.

Anderntags erfahren wir die Ursache: Im nördlichen Alberta sowie in  Saskatchewan hat es riesige Waldbrände gegeben, die die komplette Region bis weit hinein in die Staaten mit dichten Rauchschwaden überziehen. In Kanada mussten tausende von Leuten evakuiert werden und die Behörden geben beidseits der Grenze Gesundheitswarnungen heraus. Laut Medienaussagen kann diese Situation durchaus bis zu einer Woche andauern. In den folgenden Tagen erleben wir die atmosphärischen Auswirkungen: Wir befinden uns wie unter einer Art tropisch-heißer Dunstglocke, sowohl am Tag als auch in der Nacht, und die Sonne verfärbt sich unter diesem Einfluss in ein unnatürliches Rot. Die Menschen vor Ort erzählen, dass sie öfter unter solchen Waldbränden zu leiden haben; dass es jedoch seit fünfzig Jahren nicht mehr derart heftig gewesen sei wie in diesen Tagen.

 

Am nächsten Tag passieren wir das Städtchen Rugby. Auch wenn sich hier das geographische Zentrum Nordamerikas befindet (symbolisiert durch eine Pyramide mit Steinen aus jedem Bundesstaat), wäre es eigentlich nicht erwähnenswert. Eigentlich! – Doch -  erstens  - entdecken wir hier ein faszinierendes und recht umfangreiches Museumsdorf mit originalen Bauten, plus Interieur aus dem Beginn des 20. Jahrhunderts.

  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Und – zweitens – werden wir von einem netten jungen Mann angesprochen, der uns anschließend zu sich nach Hause einlädt. Mirek, in Tschechien geboren, hat im Alter von zwanzig Jahren sein Glück im Staat New York gesucht. Das war Ende der neunziger Jahr. Dann kam der 11. September 2001, den er aus der Nähe miterlebt hat, und all die daraus resultierenden Veränderungen. Anschließend der Schlag durch die Finanzkrise von 2008. Das führte zu dem Wunsch, seiner jungen Familie eine Sicherheit bieten zu können. Nach einigem Suchen wurde sie in North Dakota fündig. Eine alte Farm wurde ihr neues Zuhause. In Eigenleistung renovieren sie die Gebäude und richteten einen Biohof ein. Der Schwerpunkt liegt auf Gemüse, Beerenobst und Milchprodukten wie Ziegenkäse, Joghurt und Quark.

In der Familie packen alle mit an, selbst die Kleinsten helfen beim Füttern der Hühner oder bei der Ernte. Der nächste Ort, nämlich Rugby, ist 50 km entfernt und nicht nur dieser Umstand hat zu dem Entschluss geführt, die Kinder zuhause zu unterrichten. Julia, ursprünglich aus Russland,  ist ausgebildete Lehrerin und sorgt dafür, dass ihre Kinder ein gutes Allgemeinwissen erhalten. Zudem spielt jeder in der Familie ein Instrument und so wird in der Freizeit viel musiziert oder auch gelesen, so dass wohl niemand den nicht vorhandenen Fernseher vermisst.  Zudem hat Mirek noch eine ganz lange to-do-Liste aller anstehenden Reparaturen, die aber wahrscheinlich erst an den langen Winterabenden umgesetzt werden können. Dann gibt es schon mal Minustemperaturen von 35 Grad und die lassen einem -  lt. Julia - die Wimpern gefrieren. Doch zur Zeit sind wir davon zum Glück noch ganz weit weg, sind es doch über 30 Grad plus.

                                                                     

 Wir verbringen einen gemütlichen und sehr interessanten Abend auf der Farm von Familie Petrovic und brechen am nächsten Morgen nach einem leckeren Frühstück auf zu unserer nächsten Reiseetappe.

Der  Norden Dakotas zeigt sich zunächst als eine hügelige Prärielandschaft mit vielen Seen in den Senken. Dann verändern unzählige Ölpumpen das Bild und wir fahren mit einem leicht beklemmenden Gefühl durch dieses Industriegebiet. Das grundwassergefährdende Fracking wird hier genauso durchgeführt, wie an anderer Stelle die Felder vom Flugzeug aus mit Round-Up besprüht werden. Bei den riesigen Flächen entwickeln die Menschen hier kein Gespür für deren Risiken: Man sieht die Folgen schließlich nicht so schnell wie bei uns in Europa.

 

 

 

Es sind – nicht nur – diese Erlebnisse, die uns dankbar machen, nicht auf diesem Kontinent leben zu müssen, sondern nur als Gäste hier zu sein.

Wir überqueren den Mississippi und verlassen die USA in Richtung Kanada.